„Stefan war fleißig und strebsam, alle Wege schienen ihm offenzustehen - die Eltern Laura und Peter Müller sahen für ihren Sohn nach dem Abitur eine Karriere als Maschinenbauer voraus.“ – Wer sich für Cannabispolitik interessiert, der könnte in den letzten Tagen beim täglichen Nachrichtenüberblick bereits auf diese Zeilen gestoßen sein. Und das ist noch vorsichtig formuliert, denn eigentlich war es schwer, nicht über den armen „Stefan“ und sein Cannabisproblem zu stolpern.

 

Der Artikel, der von der Nachrichtenagentur dpa verfasst wurde, fand in vielen kleinen und großen Redaktionen Deutschlands scheinbar großen Anklang: ein kurzer Blick in die Google-Suchergebnisse offenbart, dass der Text in den letzten Tagen unter dem Titel „Wie Cannabis Familien zerstören kann“ in zahllosen (Online-) Zeitungen publiziert wurde. Von der „Münchener Abendzeitung“ über die „Mainpost“ bis zur „Hamburger Morgenpost“, von fragwürdigen Anbietern wie „lokal26.de“ über renommierte Branchenriesen wie „Die Zeit“, von der „Apotheken-Umschau“ über den Greenpeace-Blog – die Liste mit Beispielen ist schier endlos. Offenbar gab es so gut wie keine halbwegs „seriöse“ Redaktion in ganz Deutschland, die dem fragwürdigen Charme des Artikels widerstehen konnte. Und das ist wahrlich keine Untertreibung: die Chance ist sehr groß, in dieser Woche auf einer beliebigen deutschen Nachrichtenseite auf „Stefan“ zu treffen. Dabei ist das Geschreibsel nichts weiter als ein Stück Cannabis-Alarmismus, wie man es in Abwandlung schon dutzende Male gelesen hat.

Wieder einmal geht es um einen Teenager, der, da besteht offenbar kein Zweifel, durch ungezügelten Cannabiskonsum sein Gehirn und seinen Lebenslauf ruiniert, sowie die armen Eltern, die dem Verfall hilflos zuschauen müssen. Über die positiven Gegenbeispiele, die zu Millionen ihr Leben ganz normal auf die Reihe bekommen, hört man natürlich nix, die angewendete Erzählform des intimen Betroffenheitsduktus eignet sich besser dazu, den Leser einzuwickeln, als einen wissenschaftlichen Diskurs anhand diverser Studienergebnisse zu führen. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und psychotischen Episoden keineswegs so eindeutig, wie einen der Artikel glauben macht. Auch die neue, alte Leier vom hochpotenten Cannabis wird natürlich wieder gespielt, witzigerweise aufgepeppt mit einem Bier-Wodka-Vergleich. Es wäre dem Autor dieser Zeilen neu, dass Wodka inzwischen verboten wurde. Über „fehlende Urin-Kontrolle“ als angebliche Nebenwirkung des Cannabiskonsums dürften erfahrene Cannabisfreunde dann wohl nur noch den Kopf schütteln.

 

 

Was darüber hinaus irritiert, ist der Tonfall, der zwischen Sentimentalität und Leistungs-Logik chargiert. Letztere offenbart sich zum Beispiel im seltsam unterkühlt anmutenden Schlussteil des Lehrstücks: „Die Müllers haben mittlerweile ihre Erwartungen an ihr Kind auf ein Minimum heruntergeschraubt: Wenn Stefan ein einigermaßen selbstständiges Leben führen könnte, wären sie schon zufrieden.“ Die überwiegende Anzahl an Cannabisfreunden wäre wohl schon zufrieden, wenn sie von Prohibitionsbefürwortern hin und wieder auch mal ein paar Graustufen, ein bisschen weniger schwarz-weiß hören würden. Und wenn vielleicht zur Abwechslung mal nicht jede Zeitung von Nord- bis Süddeutschland denselben Agentur-Artikel unverändert nachplappern würde...

Erst gestern haben wir unsere Leser auf einen zweifelhaften Nachrichtenbeitrag in der Augsburger Allgemeinen hingewiesen, in dem ein Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und aggressivem Vandalismus nahe gelegt wurde. Naja, was will man als Cannabisfreund von einer bayrischen Lokalpostille auch groß erwarten? Leider zieht die ARD nun im Rahmen ihres Investigativ-Formats „Report München“ mit einem wohl nicht weniger verzerrenden Bericht nach.


Umso schlimmer, da die Reportage heute Abend um 21:45 Uhr nicht bloß einer Handvoll rückständiger Hinterwäldler (eine Entschuldigung geht hiermit raus an all die Augsburger-Allgemeine-Leser, die sich ihr Resthirn bewahren konnten) präsentiert wird, sondern vermutlich einem Millionenpublikum. Der begleitende Artikel zur Sendung, der heute auf der Website der Tagesschau veröffentlicht wurde, lässt zumindest Schlimmstes erahnen. Die Gefahren des Cannabiskonsums werden dem geneigten Zuschauer anhand des von Prohibtionsbefürwortern immer wieder gern ins Feld geführten psychotischen Teenagers vor Augen gehalten. Mit 13 hat das junge Mädchen angefangen zu kiffen, mit 15 sitzt sie nun aufgrund von Angstattacken und Paranoia in der Psychiatrie. Die klassische Kiffer-Karriere aus CDU/CSU-Perspektive eben, fehlt nur noch der Übergang zum Heroin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Von der mittlerweile ausgelutschten Methode, anhand eines extremen Negativbeispiels, auf den Zustand einer Mehrheit zu schließen, hat ja schon mal ein Geschmäckle, aber gut, die verunsicherten Zuschauer sollen ja auch so richtig schön emotionalisiert werden.
 

Was aber echt dreist ist, ist die Tatsache, dass einmal mehr auf die „Expertise“ von Prohibtionslobbyist Rainer Thomasius zurückgegriffen wird, um Cananbis in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken. Thomasius? Ist das nicht der, der sich nicht zu schade für folgendes Statement war: „Die Einstiegsdrogentheorie ist zwar nicht belegt. Aber widerlegt ist sie auch nicht.“? Ja, genau der. Der übrigens auch in der Hamburger Morgenpost behauptet hat, dass Cannabis wissenschaftlich gesehen weitaus gefährlicher sei als Alkohol. Und der sich jetzt bei Report München zu Aussagen versteigt wie: „Das, was wir immer befürchtet haben, bildet sich jetzt in den USA erstmalig ab. Die Legalisierung führt zu Sucht, Psychosen und Suiziden unter Cannabiseinfluss.“ und Cannabis als „hochpotentes Halluzinogen“ bezeichnet, gar mit LSD vergleicht. Im begleitenden Text zur Sendung, aus dem diese Zitate stammen, sucht man Belege für solch gewagte Aussagen vergeblich. Vielleicht werden sie ja erst in der Sendung nachgereicht, vielleicht aber auch nicht. Das würde zur Arbeitsweise von Thomasius aber auch gar nicht passen. Witzigerweise scheint auch Google die zweifelhaften Praktiken des Lobbyisten erkannt zu haben (siehe Suchbegriff „Rainer Thomasius“), aber das nur am Rande.

 

Wer sich also mal wieder so richtig schön aufregen will, kann ja heute Abend einschalten und Report München vielleicht auch den ein oder anderen aufklärenden Kommentar in den sozialen Medien hinterlassen.

Schon klar: Nur ein Bruchteil aller Cannabiskonsumenten überhaupt entwickelt jemals eine Psychose. Aber auch klar ist, dass es natürlich Kiffer gibt, die leider derart erkranken. Aber ist ein bestimmtes Gen in vielen Fällen für den Ausbruch von Psychosen bei Cannabiskonsumenten zuständig? Englische Wissenschaftler förderten in einer Studie mit 442 jungen und gesunden Cannabisrauchern nun derartige Ergebnisse zutage und veröffentlichten diese im Journal „Translational Psychiatry“.

 

Es wurde ein Gen entdeckt, dass vermutlich in Beziehung mit der Entstehung von Psychosen beim Menschen steht. Die Studie ergab nun: Auch wenn die Cannabiskonsumenten ansonsten vollständig gesund sind, haben sie eine erhöhte Gefahr, nach dem Konsum eine psychotische Reaktion zu erleben, wenn sie den „AKT1 Genotyp“ in sich tragen. Und häufige psychotische Reaktionen und Paranoia können langfristig zu einer ausgewachsenen Psychose führen.

 

Interessant ist, dass durch diese Erkenntnisse in Zukunft Testverfahren möglich wären, die einem Interessierten mitteilen, ob er dieses Gen in sich trägt und ob er daher besser kein Cannabis zu sich nehmen sollte. Übrigens ist laut den Forschern das Risiko für eine Psychose bei Menschen ohne dieses Gen, die aber jeden Tag kiffen, doppelt so hoch wie bei abstinenten Personen.

 

Interessanter Nebeneffekt der Forschung: Es wurden Anzeichen dafür ausgemacht, dass das Kurzzeitgedächtnis von Frauen nach der Aufnahme von THC schwerer beeinträchtigt wird als das von Männern.