Seit der aufgrund der Corona-Krise ausgerufenen Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote kann es einem zumindest beim innerstädtischen (Spazier-)Gang schnell mal passieren, dass man in eine polizeiliche Personenkontrolle gerät. Eigentlich sollte dabei ja nur der Schutz der Bevölkerung vor Covid-19-Viren im Mittelpunkt stehen, aber naja, wenn sich schon mal die Gelegenheit bietet, auf die Schnelle ein paar kleine Kiffer hopszunehmen, warum nicht? So häufen sich in den letzten Tagen und Wochen die Meldungen von Personenkontrollen, die in der Regel, abgesehen von der obligatorischen Strafanzeige, nichts weiter als Kleinstmengen von Marihuana zu Tage fördern.

 

 

Nichtsdestotrotz wirft das Verhalten eines 21-Jährigen, der am Montagabend am Erfurter Hauptbahnhof unterwegs war, Fragen auf. Vielleicht fühlte sich der junge Mann von dem aktuell vorherrschenden repressiven Klima derart eingeschüchtert, dass er sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Vielleicht wollte er auch eine Art politisches Signal setzen, wer weiß. Jedenfalls entscheid er sich dafür, proaktiv vorzugehen: er näherte sich zwei Streifenpolizisten, die am und um den Bahnhof patroullierten und händigte den beiden erstaunten Beamten mit den Worten „Ich will keine weiteren Schwierigkeiten“ eine geringe Menge Marihuana aus.

 

 

Laut Polizeimeldung „begrüße man die freiwillige Abgabe von Drogen“ außerordentlich. Eine Anzeige gab es für den jungen Mann dann aber natürlich trotzdem...

 

Seit Präsident Trump den Corona-Virus vor einigen Wochen sinngemäß als eine Art Hype bezeichnete, der schon bald von alleine wieder verschwinden werde, ist auch in den Vereinigten Staaten einiges passiert. Etwa 45.000 Tausend Infizierte werden inzwischen gezählt und nach und nach stellen haben immer mehr Städte den Normalbetrieb eingestellt. Ähnlich wie in den Niederlanden stellte sich in vielen der liberaleren Bundesstaaten die Frage, ob Cannabis-Abgabestellen, die sogenannten „Dispensaries“, nun zu schließen seien oder zu den wenigen Geschäften wie Supermärkten und Apotheken gehören sollten, die geöffnet bleiben dürfen. In vielen Fällen entschied man sich für letztere Option und bescheingte der Cannabis-Branche damit tatsächlich eine gewisse Systemrelevanz. Die New York Times spricht diesbezüglich gar von einer offiziellen Anerkennung, dass „Cannabis, für manche Amerikaner, so wichtig sei wie Brot und Milch.“ Mitarbeiter berichten augenzwinkernd von verzweifelten Kunden, die nicht wüßten, wie sie ohne Weed den wochenlangen Hausarrest mit der Ehefrau überstehen sollen.

 

Natürlich sind auch die Dispensaries dazu angehalten, Menschenansammlungen zu unterbinden und nur wenige Kunden gleichzeitig in die Verkaufsräume zu lassen. Und trotz dieser eigentlich umsatzschädigenden Vorsichtsmaßnahmen gehen die Verkäufe in Krise vielerorts durch die Decke. Die San Francisco Bay Area verzeichnete eine Steigerung von satten 150 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, nachdem die Bevölkerung von der Regierung dazu angehalten wurde, die eigenen vier Wände nur noch im Notfall zu verlassen. Vergangene Woche stiegen die Verkaufszahlen in Kalifornien im Vergleich zur Vorwoche gar um 204 Prozent. Seit der ersten euphorischen Woche der Legalisierung im Januar 2018 haben dort nicht mehr so viele Menschen Cannabisprodukte gekauft. Branchen-Insider sprechen von einer riesigen Nachfrage, die den jährlichen Andrang rund um den beliebten „Kiffer-Feiertag“ am 20. April noch bei weitem übertreffe.

 

Die Meldung, dass die niederländische Regierung die Schließung von Gaststätten aller Art  angeordnet hat, sorgte auch unter Cannabisfreunden für Aufregung. Denn betroffen waren auch die Coffeeshops, in denen man sich legal mit Cannabis eindecken kann (also, wenn man fünf Gramm pro Kunde pro Shop als „eindecken“ bezeichnen kann). Das führte zu langen Schlangen vor den Abgabestellen und auch zu dem ein oder anderen amüsanten Seitenhieb bezüglich der Klopapier-hortenden Deutschen. Aber auch viele deutsche Kiffer, die in Grenznähe leben, beschlich beim Anblick der Bilder ein ungutes Gefühl.

 

Tatsächlich kam es nun zu einem Einlenken der niederländischen Regierung, die den weiteren Betrieb von Restaurants und Coffesshops wieder erlaubte, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Speisen (oder eben die Blüten) nur zum Mitnehmen gekauft werden können. Es wird gemunkelt, dass vor allem die Angst vor einem florierenden Straßenverkauf von Marihuana für die erneute Anpassung der erst am Sonntag beschlossenen Sperr-Maßnahmen verantwortlich sei.

 

Mit dem untenstehenden Clip könnt ihr euch einen kleinen Eindruck von der Lage verschaffen. Er zeigt die Schlange vor einem Shop in Nimwegen.

 

Bei den Bildern, die gestern Abend aus den Niederlanden um die Welt gingen, könnte man glatt denken, dass Cannabis tatsächlich ein Heilmittel gegen den Corona-Virus ist.

 

Vor einigen Wochen verbreitete sich ein entsprechender Fake im Netz, doch die Menschen, die hier vor einem Coffeeshop Schlange stehen, dürften es besser wissen. Sie haben einfach nur verstanden, dass es weitaus mehr Sinn ergibt, Weed zu hamstern als Klopapier. Denn wie bei vielen anderen Gütern mit internationalen Lieferwegen könnte es schon bald passieren, dass den Händlern die Vorräte ausgehen und Nachschub ausbleibt. Dass die legalen Shops in den Niederlanden zusammen mit Bars, Kneipen, Sportstätten etc. schließen müssen, war angesichts der europaweiten Lage zu erwarten und im Vorfeld kommuniziert worden, aber auch die Straßenhändler, die jetzt ihre große Stunde wittern, sind vor Grenzschließungen und Ausgangssperren nicht gefeit.

 

"Also schnell noch mal in den Shop", mag sich da der ein oder andere Cannabisfreund gedacht haben. Oder besser gesagt: in die Shops. Denn ein Coffeeshop darf pro Kunde nur fünf Gramm auf einen Schlag verkaufen, was dazu geführt haben könnte, das viele eben nicht nur einen, sondern alle möglichen Shops in Reichweite aufgesucht haben.

 

Bis zum sechsten April soll der landesweite Stillstand vorerst aufrechterhalten werden. Da in Deutschland die Gefahr ähnlicher Maßnahmen besteht, dürften auch deutsche Cannabisfreunde zurzeit verstärkt in Erwägung ziehen, einen kleineren (oder größeren) Vorrat anzulegen, um nicht mitten während einer Ausgangssperre mit leeren Händen dazustehen.

 

Wie es sich anfühlt, wenn alle legalen Abgabestellen plötzlich auf einen Schlag wegfallen, konnte der Autor dieser Zeilen noch vor kurzem in Barcelona erfahren. Seit dort am Wochenende die Cannabis Social Clubs geschlossen wurden, bersten die entsprechenden Messenger-Gruppen und sozialen Medien vor Weed-Anfragen.