Blinkendes Licht auf dem Dach? Das muss doch eigentlich ein Taxi sein – so oder so ähnlich muss wohl der Gedankengang eines Cannabishändlers aus Kopenhagen am vergangenen Donnerstag gewesen sein. Doch kaum setzte er sich in den Wagen, stellte er fest, dass dies eine schlechte Idee war: die Polizisten beschäftigten sich direkt näher mit dem Überraschungsgast im Polizeiauto und konnten bei ihm circa 1.000 fertige Joints beschlagnahmen, die wohl für den Cannabismarkt in der Kopenhagener Freistadt Christiania bestimmt waren.

 

Am Tag danach gab es dann mal wieder eine Razzia in Christiania – dabei wurde allerdings für dortige Verhältnisse bloß eine recht kleine Menge Cannabis von der Polizei konfisziert: fünf Kilogramm Haschisch und vier Kilogramm Marihuana werden in Christiania wohl nur kurz vermisst werden.

 

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Da staunten die Bauarbeiter nicht schlecht, als sie auf dem Dach des Kopenhagener Opernhauses zugange waren: 75 Kilogramm Haschisch lagen dort, fein säuberlich verpackt in insgesamt 125 Pakete. Vermutlich gehörte das Hasch einem der Dealer aus der „Pusher Street“ in Christiania, der alternativen Freistadt in der Stadt Kopenhagen, wo jedes Jahr mehr oder weniger ungehindert kiloweise Gras und Hasch umgesetzt wird (wir berichteten vergangenen Monat über die Schießerei in der „Pusher Street“). Das Opernhaus liegt nicht weit von Christiania entfernt.

 

Wie 20min.ch berichtete wurden die Päckchen bereits im Februar entdeckt. Da die Polizei aber die Hoffnung hegte, jemanden bei der Abholung auf frischer Tat zu ertappen, wurde das Ganze bislang geheim gehalten. Nach sieben Monaten hat die Polizei diese Hoffnung nun aber aufgegeben und die Ermittlungen eingestellt.

So war das nicht geplant. Natürlich sind die Einwohner der Kopenhagener Freistadt Christiania für die Legalisierung von Haschisch und Marihuana – schon kurz nach der Gründung der alternativen Wohnsiedlung mitten in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen im Jahr 1971, die ursprünglich zum Protest gegen den Mangel an bezahlbaren Wohnung gegründet wurde, entwickelte sich die kleine Stadt in der Stadt in Richtung Hippietum. Die dänischen Behörden dulden die kleine Stadt mit heutzutage knapp 1.000 Bewohnern und erachten diese als autonome Gemeinde, die auch gewisse Freiheiten besitzt.

 

Und so ist Christiania schon lange ein Synonym für tolerierten Cannabishandel und daher auch ein riesiger Touristenmagnet. Das gefällt natürlich sogar der Regierung. In der sogenannten „Pusher Street“ standen bis vergangene Woche seit Jahrzehnten Dutzende von Verkaufsbuden, in denen Cannabis angeboten wurde. Doch die Einwohner von Christiania haben schon lange keine Hoheit mehr über den Cannabishandel. Schon seit spätestens Ende der 1980er-Jahre sind immer mehr Dealer von außerhalb auf die Pusher Street gekommen, jedes Mal, wenn doch einer verhaftet wurde, rückte ein anderer nach. Schon lange findet man keine Hippie-Dealer mehr in Christiania, sondern stattdessen organisierte Kriminelle. Wie „Spiegel Online“ berichtete, wurden die Umsätze in der Pusher Street von der Polizei auf über 100 Millionen Euro jährlich geschätzt.

 

Doch damit ist jetzt Schluss. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder mal gewalttätige Auseinandersetzungen – zuletzt 2005 ein Toter, 2009 explodiert eine Handgranate in der Pusher Street. Und am vergangenen Mittwoch kam es zu einer Schießerei. Wie die Print-Ausgabe der „taz“ heute berichtet, kontrollierte die Polizei an einem der Zugänge einen mutmaßlichen 25-jährigen Dealer, der tatsächlich mehrere Kilo Marihuana und 1.000 fertig gedrehte Joints bei sich führte. Dieser eröffnete das Feuer auf die Beamten, einer wurde leicht verletzt, ein weiterer wurde am Kopf getroffen und kämpft derzeit noch im Krankenhaus um sein Leben. Auch schoss der Dealer auf einen Besucher der Freistadt, er selbst wurde anschließend von den Polizisten niedergestreckt. Die Medienagentur „Amaq“, die dem „Islamischen Staat“ nahesteht, verkündete inzwischen, der Dealer sei angeblich ein Soldat des „Islamischen Staats“ gewesen und habe die Polizisten „zielgerichtet“ angegriffen.

 

Die Bewohner Christianias haben jetzt jedenfalls die Schnauze voll. Zwar sind dort nach wie vor praktisch alle Einwohner für eine flächendeckende Legalisierung von Cannabis, aber bitte nicht mehr in ihrer Stadt. 300 Einwohner schlossen sich daher am Donnerstag zusammen und rissen mit Baumaschinen bewaffnet alle Verkaufsstände auf der Pusher Street ein. Die Dealer schauten, da in der Unterzahl, tatenlos zu. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob sie sich nun aufs Straßengeschäft in der Stadt verteilen oder woanders hinziehen werden.

 

Wenn ihr mehr über die Geschichte von Christiania erfahren möchtet, könnt ihr euch bei Interesse das unten eingebundene YouTube-Video ansehen.