So ähnlich könnte Stefan aussehen. Fehlt nur noch die Haschisch-Spritze So ähnlich könnte Stefan aussehen. Fehlt nur noch die Haschisch-Spritze Adobe Stock

„Stefan“ und sein Weed-Problem: dpa überzieht Presselandschaft mit Anti-Cannabis-Artikel

Von  Jun 26, 2020

„Stefan war fleißig und strebsam, alle Wege schienen ihm offenzustehen - die Eltern Laura und Peter Müller sahen für ihren Sohn nach dem Abitur eine Karriere als Maschinenbauer voraus.“ – Wer sich für Cannabispolitik interessiert, der könnte in den letzten Tagen beim täglichen Nachrichtenüberblick bereits auf diese Zeilen gestoßen sein. Und das ist noch vorsichtig formuliert, denn eigentlich war es schwer, nicht über den armen „Stefan“ und sein Cannabisproblem zu stolpern.

 

Der Artikel, der von der Nachrichtenagentur dpa verfasst wurde, fand in vielen kleinen und großen Redaktionen Deutschlands scheinbar großen Anklang: ein kurzer Blick in die Google-Suchergebnisse offenbart, dass der Text in den letzten Tagen unter dem Titel „Wie Cannabis Familien zerstören kann“ in zahllosen (Online-) Zeitungen publiziert wurde. Von der „Münchener Abendzeitung“ über die „Mainpost“ bis zur „Hamburger Morgenpost“, von fragwürdigen Anbietern wie „lokal26.de“ über renommierte Branchenriesen wie „Die Zeit“, von der „Apotheken-Umschau“ über den Greenpeace-Blog – die Liste mit Beispielen ist schier endlos. Offenbar gab es so gut wie keine halbwegs „seriöse“ Redaktion in ganz Deutschland, die dem fragwürdigen Charme des Artikels widerstehen konnte. Und das ist wahrlich keine Untertreibung: die Chance ist sehr groß, in dieser Woche auf einer beliebigen deutschen Nachrichtenseite auf „Stefan“ zu treffen. Dabei ist das Geschreibsel nichts weiter als ein Stück Cannabis-Alarmismus, wie man es in Abwandlung schon dutzende Male gelesen hat.

Wieder einmal geht es um einen Teenager, der, da besteht offenbar kein Zweifel, durch ungezügelten Cannabiskonsum sein Gehirn und seinen Lebenslauf ruiniert, sowie die armen Eltern, die dem Verfall hilflos zuschauen müssen. Über die positiven Gegenbeispiele, die zu Millionen ihr Leben ganz normal auf die Reihe bekommen, hört man natürlich nix, die angewendete Erzählform des intimen Betroffenheitsduktus eignet sich besser dazu, den Leser einzuwickeln, als einen wissenschaftlichen Diskurs anhand diverser Studienergebnisse zu führen. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und psychotischen Episoden keineswegs so eindeutig, wie einen der Artikel glauben macht. Auch die neue, alte Leier vom hochpotenten Cannabis wird natürlich wieder gespielt, witzigerweise aufgepeppt mit einem Bier-Wodka-Vergleich. Es wäre dem Autor dieser Zeilen neu, dass Wodka inzwischen verboten wurde. Über „fehlende Urin-Kontrolle“ als angebliche Nebenwirkung des Cannabiskonsums dürften erfahrene Cannabisfreunde dann wohl nur noch den Kopf schütteln.

 

 

Was darüber hinaus irritiert, ist der Tonfall, der zwischen Sentimentalität und Leistungs-Logik chargiert. Letztere offenbart sich zum Beispiel im seltsam unterkühlt anmutenden Schlussteil des Lehrstücks: „Die Müllers haben mittlerweile ihre Erwartungen an ihr Kind auf ein Minimum heruntergeschraubt: Wenn Stefan ein einigermaßen selbstständiges Leben führen könnte, wären sie schon zufrieden.“ Die überwiegende Anzahl an Cannabisfreunden wäre wohl schon zufrieden, wenn sie von Prohibitionsbefürwortern hin und wieder auch mal ein paar Graustufen, ein bisschen weniger schwarz-weiß hören würden. Und wenn vielleicht zur Abwechslung mal nicht jede Zeitung von Nord- bis Süddeutschland denselben Agentur-Artikel unverändert nachplappern würde...

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