Highway

Schlimme Bilder gehen derzeit von den USA aus um die Welt. In vielen Teilen des Landes herrschen gerade schon fast bürgerkriegsähnliche Zustände: brennende Straßen, Plünderungen und gewalttätige Aufstände überziehen amerikanische Großstädte mit Chaos. Nachdem unmenschlichste Polizeigewalt erneut einen Afroamerikaner, George Floyd, das Leben gekostet hatte, brach der in Amerika schon lange schwelende Rassenkonflikt in Minneapolis erneut auf und dass in einer lange nicht gesehenen Heftigkeit. Die Corona-Krise, die die USA nicht zuletzt aufgrund ihres maroden Sozialsystems, härter getroffen hat (und nach wie vor trifft) als andere Länder, dürfte ebenfalls ihren Teil zur apokalyptischen Stimmung beitragen haben.

 

Im Zuge der Plünderungen hat es auch die Cannabis-Shops schlimm erwischt, wenig überraschend gehören sie zur der Art Geschäft, das man nur allzu gern mitnimmt, wenn man sich denn schon gerade einmal auf Plünderzug befindet. Social-Media-Posts zeigen verwüstete Stores, zerbrochene Scheiben und leere Regale, so etwa im Falle einer MedMen-Dispensary in Los Angeles. Wie man es jedoch von Cannabisfreunden gewohnt ist, reagieren viele Betreiber angesichts der zerstörten Ladenlokale gelassen und verweisen auf die generelle Notwendigkeit der Proteste. „Wir können unsere Stores wieder aufbauen, aber ein Menschenleben kann man nicht so einfach zurückbringen“, so etwa Berner, seines Zeichens Rapper und Chef der beliebten Cannabis-Kette „Cookies“. Bleibt zu hoffen, dass die vielen Kilos an gestohlenen Cannabis-Produkten nun wenigstens dazu beitragen können, die Lage zu beruhigen und wieder in friedlichere Bahnen zu lenken.

Wie sagt man so schön? Dreist gewinnt. Nach diesem Motto handelte wohl auch ein Mann aus Wien, der sich dazu entschloss, Cannabispflanzen in seiner Wohnung anzubauen, obwohl sich das Mehrfamilienhaus, in dem er lebte, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Polizeistation befand. Womöglich hatte er darauf gesetzt, dass niemand auf die Idee käme, neben einem Polizeirevier eine Cannabis-Anlage zu vermuten. Eine zeitlang ging auch tatsächlich alles gut, doch irgendwann stieg Beamten im Innenhof des betroffenen Häuserblocks ein süßlich-würziger Geruch entgegen, den sie nur allzu gut kannten. Ein verdächtig aussehendes, zugeklebtes Fenster wies den neugierig gewordenen Polizisten dann schließlich den Weg zur Wohnung des Growers.

 

32 Pflanzen hatte der 38-Jährige in einem Zelt angebaut, nach eigenen Angaben alles für den Eigenbedarf bestimmt. Die Qualität des Straßen-Weeds sei einfach zu schlecht, versuchte sich der Verdächtige zu rechtfertigen. Die Highway-Redaktion kann ihn da gut verstehen, zumal er ja, wie die meisten Grower, niemandem Schaden zugefügt hatte. Bei den Beamten stieß er mit seiner Erklärung leider naturgemäß auf taube Ohren und muss jetzt mit einer Anzeige rechnen.

 

„Kiffen ist nicht cool. Es ist cool, nicht zu kiffen!“ – Arbeitet Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU) etwa gerade daran, ihr eigenes Bonmot zu kreieren, also ganz nach dem Vorbild ihrer mittlerweile schon fast legendären Vorgängerin Marlene Mortler („Cannabis ist verboten, weil es eine illegale Droge ist.“)? Nicht ganz, Ludwig hat der Öffentlichkeit lediglich ihre neue Cannabis-Aufklärungskampagne in einer Pressekonferenz vorgestellt. Doch worum geht es genau? Die Maßnahmen sollen der Prävention dienen und sind ganz darauf ausgelegt, bei Jugendlichen Neugier zu wecken und ihnen Angebote zur Recherche an die Hand zu geben, damit sie sich selbstständig zu dem Thema informieren können.

 

„Mach dich schlau!“: der Claim der Kampagne appelliert an die Eigeninitiative und versucht so den „erhobenen Zeigefinger“ zu umschiffen, der Jugendliche verständlicherweise abschreckt und, wenn überhaupt, nichts als taube Ohren zur Folge hat. Die Zielgruppe soll auf sozialen Medien wie Instagram und Tik Tok mit kurzen Clips abgeholt werden, zudem sollen für die Generation Z relevante Testimonials eingebunden werden. Schade und bezeichnend ist, dass der Themenkomplex Legalisierung in der Pressekonferenz nicht zur Sprache kommt bzw. der vermeintliche Kausal-Zusammenhang zwischen Freigabe und Konsumprävalenz nicht angetastet wird. Erst vor einigen Wochen stellte selbst der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags fest, dass ein solcher nämlich gar nicht nachweisbar sei. In einer Debatte, die von Seiten Ludwigs nur allzu gern auf dem Rücken der Jugendlichen ausgetragen wird, wäre eine Auseinandersetzung mit dieser Frage aber mehr als wünschenswert gewesen. Auch keiner der (offenbar handverlesenen) anwesenden Journalisten hielt es für nötig, Daniela Ludwig mit der den Jugendschutz fördernden Seite einer Legalisierung zu konfrontieren. Daniela Ludwig selbst wird im Verlauf der Konferenz nicht müde zu betonen, dass Prävention im Fall von Tabak und Alkohol schon große Erfolge bei Jugendlichen gezeigt hätten. Dass dieser Erfolg auch etwas mit dem legalen Status der beiden Alltagsdrogen zu tun haben könnte, auf diesen Gedanken kommt sie leider nicht. Natürlich kommen auch belastbare Zahlen, die etwa Frankreich (mit die restriktivsten Cannabisgesetze in Europa) einen deutlich höheren Jugendkonsum als (den etwa auf einem Level liegenden) Deutschland und Holland bescheinigen, nicht zur Sprache.

 

Also, hier soll bestimmt nicht gegen Präventionsmaßnahmen per se gewettert werden, aber wäre es nicht langsam angebracht, teure Kampagnen wie „Mach dich schlau!“, die ja immerhin mithilfe von Steuergeldern finanziert werden, mit einer Legalisierung im Rücken zu unterstützen, als sie durch die Prohibition ins Leere laufen zu lassen?

 

Ach ja, man kennt sie mittlerweile zur Genüge, die alte Leier: den Grünen liegen die Cannabiskonsumenten in diesem Land, seien es nun Patienten oder Freizeit-Nutzer, ja soo dolle am Herzen. Im Parteiprogramm wird das „Recht auf Rausch“ proklamiert, da soll endlich „Schluss sein mit der der Kriminalisierung“ harmloser Bürger und der „Schwarzmarkt endgültig ausgetrocknet“ werden. Da kann es auch schon mal passieren, dass auf dem lässigen Cem-Özdemir-Selfie, ganz nonchalant, eine Hanfpflanze im Hintergrund drapiert ist. Betont unauffällig platziert, und doch nicht zu übersehen. Toll, denkt sich der geneigte Cannabisfreund, die setzen sich wenigstens für mich ein! Das Problem an der Sache ist, dass die Grünen, wenn sie denn mal in Regierungsverantwortung gelangt sind, das Thema Legalisierung auf einmal doch nicht mehr so interessant finden und gewillt sind, es schneller fallen zu lassen, als einen heißgerauchten Roach.

 

Das hat man 1998 beobachten können, als mit dem Hanf-Thema gezielt Bundestagswahlkampf betrieben wurde, ohne, dass den Versprechungen Taten gefolgt wären. Und das kann man auch jetzt wieder sehen, im Rahmen der gerade stattfindenden Koalitionsgespräche mit der Hamburger SPD. In vielen wichtigen, umstrittenen Bereichen konnte man sich einigen, nur beim Thema Cannabis, da findet man wohl auf Teufel komm raus keinen gemeinsamen Nenner. „Wir haben uns darauf verständigt, dass wir uns in der Frage nicht verständigen können. Deswegen gibt es dazu auch keine Regelung im Koalitionsvertrag“, so die Hamburger Grünen-Chefin Anna Gallina. Na sowas! Das Statement erinnert in seinem kühnen Pragamtismus ja schon fast an Marlene Mortlers berühmten Ausspruch vom verbotenen, weil illegalen Cannabis. Die flapsige Formulierung lädt zu Spekulationen ein, welchen Stellenwert das Thema innerhalb der Verhandlungen hatte, auch wenn klar sein muss, dass in Sachen BtMG ohne den Bund sowieso nichts handfestes läuft. 

 

Eine Sache ändert sich dann aber doch, zumindest für junge Drogenkonsumenten: sie sollen zukünftug straffrei ausgehen und umgehend eine Suchtberatung erhalten. Das Vorhaben wurde bisher zwar nur vage skizziert, aber immerhin kann unsere Drogenbeauftragte so weiterhin mit ordentlich Nachschub für ihre immer gern zitierte „Es-gehen-immer-mehr-Menschen-wegen-Cannabis-in-Behandlung“-Statistik rechnen. Die eh unwählbaren CDU/CSU und AFD werden die neuen Zahlen mit Sicherheit dankend aufgreifen, um vor den vermeintlich hohen Risiken des Cannabiskonsums zu warnen.

 

Klar, irgendwie ist es auch gemein, jetzt allein den Grünen den schwarzen Peter zuzuschieben, immerhin gehören zu Koalitionsverhandlungen mindestens zwei. Die SPD, ganz davon abgesehen, dass sie für viele eh längst unwählbar geworden ist, reißt beim Thema Cannabis aber halt auch nicht immer so lautstark die Klappe auf.

 

Die verschiedenen Formen der Cannabisextrakte von Wax bis Öl erfreuen sich auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit. Nachdem diese besonderen Zubereitungs- und Konsummethoden noch bis vor einigen Jahren im deutschsprachigen Raum nur dem harten Kern der Szene ein Begriff waren, interessieren sich auch hierzulande immer mehr Cannabisfreunde, auch bedingt durch den Dabbing-Hype in den USA der vergangenen Jahre und den globalen CBD-Siegeszug für „ausgefallenere“ Konsumformen jenseits von Rauchen und Essen. Soweit so gut, schließlich dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass das Cannabisrauchen (mit Tabak) unnötige Gesundheitsrisiken mit sich bringt und auch der Genuss von Edibles aufgrund der Dosierbarkeit und dem zeitverzögerten Wirkungseintritt so seine Tücken haben kann. Cannabisöl zum Beispiel lässt sich mit ein wenig Erfahrung hingegen punktgenau dosieren und jederzeit äußerst diskret einnehmen.

 

Ein Weg, es selbst herzustellen, vor dem auch Highway immer wieder warnt, ist die Extraktion mittels Butangas: theoretisch zwar schnell und günstig durchführbar, birgt die Methode aufgrund der Explosivität des Gases hohe Risiken, insbesondere für naturwissenschaftlich weniger bewanderte Zeitgenossen. In Düren hat sich ein Mann dennoch an diese Art der Extraktion herangewagt, leider mit empfindlichen Folgen: bei dem Versuch kam es zu einer Explosion, die das Hausdach über der Wohnung des 42-Jährigen schwer beschädigte und darüber hinaus mehrere kleinere Brände in den umliegenden Häusern verursachte. Zum Glück kam bei der Aktion jedoch niemand ernsthaft zu Schaden. Ein Glück, dass etwa der deutschsprachige Rapper Dr. Knarf nicht hatte: Anfang 2017 sprengte er sich selbst und einen Freund beim Versuch einer BHO-Extraktion in die Luft und erlitt dabei allerschwerste Verletzungen, unter denen er wohl sein Leben lang leiden wird.

 

In Brasilien kam es am vergangenen Mittwoch zum größten Cannabis-Bust in der Geschichte des Landes. Knapp 28 Tonnen Marihuana fand man auf der Ladefläche eines Trucks, versteckt unter einer Schicht von Maiskörnern. Der Truck beziehungsweise vielmehr sein Fahrer hatte sich offenbar schon zuvor verdächtig gemacht, als er in einem Hotel in Grenznähe zu Paraguay übernachtet hatte.

 

Die Polizei beobachtete das Fahrzeug auf seiner Weiterfahrt in Richtung des südlich gelegenen Bundesstaats Rio Grande do Sul und entschied sich auf einem Highway bei Mato Grosso du Sul zum Zugriff. Der Fahrer gab gegenüber den Beamten an, dass er den LKW bereits in komplett beladenem Zustand übernommen und dementsprechend von nichts gewusst habe.

 

In Zeiten, in denen offenbar immer mehr Prominente langsam, aber sicher dem Wahn und/oder dem Dschungelcamp anheim fallen, tut es zur Abwechslung mal richtig gut, im ohrenbetäubenden Meinungs-Getöse auch mal eine vernünftige Äußerung zu hören. Und die hat ausnahmsweise auch nix mit den umstrittenen Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zu tun, verprochen. Vielmehr geht es, und das ist ja eh das viel ergiebigere Thema, um die gute alte Cannabislegalisierung. Das Beste daran: Schauspieler Armin Rohde, der für die aktuellen Verlaubarungen verantwortlich ist, spricht geradeaus und erspart uns die sonst so beliebten Rumdrucksereien á la „am Joint gezogen, aber nicht inhalhiert“ oder „als Teenie vielleicht mal einen kleinen Zug“.

 

Rohde finde es verständlicherweise absurd, „dass ein 16-Jähriger in den Supermarkt gehen kann, um sich mit Alkohol zu versorgen, es einem erwachsenen Menschen aber verboten ist, gemütlich seinen Feierabendjoint zu rauchen.“ Word. Der Charakterdarsteller, der unter anderem für seine Rollen in „Lola rennt“ und „Contagion“ bekannt ist, plädiert deshalb für einen reglementierten Verkauf in Deutschland. Außerdem habe er in den 1970er-Jahren eine ganze Menge an verschiedenen Substanzen ausprobiert, aber „irgendwann gemerkt: Das ist nix für mich!“. Nur das Kiffen sei ihm sozusagen erhalten geblieben.

Wenn man schon sein halbes Leben lang Joints raucht, dann, das weiß jeder erfahrene Konsument, erhöht man nicht nur die physische und psychische Toleranz, nein, auch die soziale Toleranz wird heraufgesetzt: der ständige Cannabis-Konsum fühlt sich einfach komplett normal und selbstverständlich an (und de facto ist er das ja auch), es schleicht sich eine Abstumpfung ein, die fast schon voraussetzt, dass alle anderen Menschen genauso denken und die das Konfliktpotenzial, das im Zuge des Konsums einer (leider immer noch) illegalen Droge zwangläufig vorhanden ist, völlig ausblendet. Jeder, der sich dazu entscheidet, am Wochenende in der Kneipe ausnahmsweise mal keinen Alkohol zu trinken, kann eine Abwandlung des vorab beschriebenen Effekts an der verdutzt-empörten Reaktion seiner vermeintlichen Saufkumpane erkennen.

 

Ein Mann aus Mülheim, der am frühen (!) Samstagmorgen am Hauptbahnhof eine Polizeistreife bat, ihm doch bitte einen Zehn-Euro-Schein zu wechseln, steckte offenbar bereits tief in seiner Filter-Blase. So kam ihm scheinbar nicht der Gedanke, dass es den Polizeibeamten ein Dorn im Auge sein könne, dass er während seiner Bitte um Kleingeld seelenruhig einen Joint rauchte. Als die Polizisten ihn schließlich darauf hinwiesen, zeigte sich der 43-Jährige regelrecht überrascht. Eine vollkommen unnötige Strafanzeige wird’s nun wohl leider trotzdem geben. Und der Zehner konnte zu allem Überfluss auch nicht gewechselt werden.